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Klimawandel und Stadtplanung

Gründach als Feinstaubfilter? Umdenken erwünscht!

In der Nähe der Bundesgartenschau, ein schöner, hoher Raum von Grün umgeben, in dem die Gedanken sich frei entfalten können, ein langer Tisch und acht hochkarätige Experten aus Wissenschaft, Stadtplanung, Architektur, Industrie und Verbänden: Die Zutaten für das vdd Expertengespräch "Perspektivenwechsel für mehr Wohn- und Lebensqualität" konnten nicht ausgewählter sein.

Als der Markt für begrünte Dächer vor ca. 10 Jahren boomte und sich viele Bauherren für ein Gründach entschieden, wurden sie zunächst als Ökofreaks für den "Rasen" auf ihrem Dach belächelt. Doch spätestens im Sommer des Jahres 2003 dürfte den Nachbarn ohne Gründach das Lachen im Hals stecken geblieben sein: Viele unbegrünte Dächer verursachten aufgrund der anhaltenden Hitzewelle Backofentemperaturen im Dachgeschoss. Nicht so bei den begrünten Dächern ihrer Nachbarn. Dort blieb die Temperatur erträglich und die Dachbegrünung unversehrt. "Im Sommer 2003 gab es keine Trockenschäden bei Gründächern - trotz der hohen Temperaturen. Und dabei handelt es sich in Deutschland um 13 Millionen Quadratmeter begrünte Dachfläche", bestätigte Fritz Hämmerle, Vorsitzender der FBB (Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V.).

Zukunftssicheres Dach

Doch die Begrünung bietet nicht nur bei großer Hitze einen höheren Schutz und Temperaturausgleich. Starken Regenfällen, Stürmen und selbst Hagelschlägen hält ein begrüntes Dach besser stand. Und dass solch extreme Naturereignisse in Zukunft noch häufiger zu erwarten sind, davon geht der renommierte Biometeorologe Prof. Dr. Dr. Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rückversicherung, aus. Die Industrie hat sich bereits auf diese Veränderungen eingestellt: "Wir haben mit hochwertigen Polymerbitumenbahnen schon heute Materialien für die Dachabdichtung, die den verschärften Klimabedingungen auch zukünftig standhalten wird", versicherte Paul-Hermann Bauder, Vorstandsvorsitzender des vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V. Gründächer in Verbindung mit einer hochwertigen Abdichtung halten demnach dem veränderten Klima der Zukunft stand, aber wie sieht es mit der Gegenwart aus? Feinstaub, das Thema dieses Sommers, bedeutet für viele Menschen eine große Belastung. Der Staub führt zu vermehrten Erkrankungen des Atmungs- und Herz-Kreislaufsystems und setzt dadurch die Lebenserwartung herab. Ein großer Vorteil von Dachbegrünungen ist die Filterung der Staubpartikel aus der Luft und damit die Reduzierung der Feinstaubbelastung. "Mit der bewussten Begrünung der Dächer könnte auch die Luftzirkulation regelrecht gesteuert werden", so Prof. Höppe. "Die Anzahl der so genannten Biergartentage (um 21 Uhr noch 21°C) ist in den eng bebauten Städten schon jetzt doppelt so hoch wie in ländlichen Regionen. Die Freihaltung von Frischluftschneisen und Dachbegrünungen können helfen, das Klima im Wohnumfeld der Menschen positiv zu verändern." Damit steigen Wohnwert und Lebensqualität. Was für den Außenraum gilt, kann ebenso auf das Innere eines Hauses übertragen werden. Auch hier wird das Klima durch ein Gründach positiv beeinflusst. Die Dachbegrünung verhindert im Sommer den Wärmestau auf dem Dach und erspart stromfressende Klimaanlagen.

Es grünt so grün

Wird das Gründach in der Planung deshalb so stiefmütterlich behandelt, weil man es von unten nicht sieht? Anneliese Elsner von Icopal GmbH ist sich sicher, dass Bauherren für dieses Thema noch sensibilisiert werden müssen: "Im Foyer wird teurer Granit verlegt, aber beim das komplette Gebäude schützende Dach wird gespart." Dabei könnten die meisten Dächer gleich mit Begrünung geplant werden und die Bewohner so täglich die grüne Aussicht genießen. Genau darin sieht Andrea Gebhard, Geschäftsführerin der BUGA, ihre Aufgabe: "Freiräume und eine neue Behaglichkeit zu schaffen." Als Beispiel führt sie die Kunst der Italiener an, auf kleinsten Dächern atmosphärische Zusatzräume zu gestalten. Die Kritik, dass Gründächer im Sommer unattraktiv braun aussähen, kann sie nicht gelten lassen. Dem stimmte auch Fritz Hämmerle zu: "Ein fachgerechtes Gründach ist unempfindlich. Kulturen wie Sedum blühen selbst bei größter Hitze. Sie fangen den Tau der Nacht auf und halten dann die Sonne gut aus. Selbst Hagel ist kein Problem für Sedumpflanzen und wirkt sogar wachstumsfördernd. Denn vom Hagel abgeschlagene Pflanzenteile ziehen Wurzeln und neue Pflanzen entstehen."

Gründach stopft Haushaltslöcher

Empfindlich reagieren Bauherren meist noch auf die entstehenden Mehrkosten durch ein Gründach. Es kann aber auch helfen, zukünftig Geld zu sparen. Beispielsweise im Fall der Kommunen: Deren zunehmendes Problem ist die Versiegelung von Flächen durch Gebäude und Straßen. Allein in Deutschland wird jeden Tag eine freie Fläche in der Größe von 170 Fußballfeldern mit Straßen, Siedlungen, Parkplätzen und Flughäfen zugebaut. Folgen der Flächenversiegelung sind die Beeinträchtigung wichtiger natürlicher Bodenfunktionen, besonders als Filter und Speicher von Niederschlagswasser. Das Regenwasser findet nicht mehr genug Versickerungsfläche und teure Wasserrückhaltebecken müssen geplant werden. Mit ausreichenden Dachbegrünungsflächen können Kommunen dies jedoch vermeiden. Die Gründächer funktionieren wie ein Schwamm, der das gespeicherte Wasser durch Verdunstung langsam wieder an die Umgebung abgibt. "Ein Regenüberlaufbecken kostet bis zu 500.000 Euro, die eingespart werden könnten", führte Fritz Hämmerle an. "Das muss in den Stadtratsitzungen auf den Tisch gebracht werden." Verschiedene Städte, wie München und Stuttgart, haben diese Chance bereits erkannt und bieten Förderungskonzepte, die sich leicht auf andere Städte übertragen ließen.

Zeit zum Umdenken

Die Weitsichtigkeit einzelner Städte wünschen sich viele auch in Bezug auf Architekten und Planer. Für sie wird es Zeit, die sich verändernden Klimabedingungen in ihren Planungen zu berücksichtigen. In einem Beispiel ist dies auch schon besonders gelungen: Das 130 ha große, in die Messestadt Riem integrierte Gebiet der BUGA 2005 gilt schon jetzt als herausragendes Denkmal nachhaltiger Stadtplanung. Es wartet mit allen Details auf, die dazu gehören: Regenwasser wird genutzt, es gibt begrünte Dächer, umweltgerechte Baumaterialien wurden verwendet und Ressourcen werden sparsam genutzt. Für eine gute Luftzirkulation sorgen Frischluftschneisen. Der im Rahmen der BUGA entstandene See wird auch zukünftig der Erholung der Messestadtbewohner dienen.

Kooperation der Gewerke

Nach Aufzählung aller Vorteile, was steht der flächendeckenden Ausführung von Gründächern entgegen? Es sind vor allem die Vorurteile, die nicht nur auf Bauherrenseite vorhanden sind, sondern auch bei den Planern. Oder wie Fritz Hämmerle die Verarbeiter zitiert: "Jetzt kriegen wir gerade das Flachdach dicht, da kommen die mit dem Gründach!" Aufklärung tut not. Und dies am besten schon während der Ausbildung. "Flachdachgebäude sind in der Architekturausbildung interessant, doch die Dachplanung im Detail ist ein Problem, insbesondere das Gründach", so Kay Rosansky, Redakteur der Deutschen Bauzeitschrift und Moderator des Expertengesprächs. Auch Kurt Michels vom Bundesbildungszentrum des Deutschen Dachdeckerhandwerks fordert: "Das Gründach muss in die Ausbildung der Dachdecker mit aufgenommen werden." Gerade bei Details ist die Unterstützung von Dachbegrünern gefragt. Die Kooperation aller Baufachleute könnte die Situation verbessern. Fachübergreifendes Denken ist erwünscht. "Gespräche wie dieses, bei denen Experten verschiedener Disziplinen zum gegenseitigen Austausch zusammen kommen, müssten häufiger stattfinden", ist sich Dr. Rainer Henseleit, Initiator des vdd-Expertengesprächs und Geschäftsführer des vdd, sicher.

Druck oder Motivation

Andrea Gebhard setzte während ihrer Zeit als Stadtplanerin in München durch, dass ab 100 qm Flachdachfläche ein Gründach gefordert wird. "Die unterschiedlichen Auflagen sind allerdings kontraproduktiv, da häufig Unternehmen dort bauen, wo keine Auflagen bestehen." Fritz Hämmerle hält den Ansatz der positiven Motivation von Bauherren für aussichtsreicher: "Nordrhein-Westfalen bietet Förderungen. Nach knapp zehn Jahren macht sich die Dachbegrünung durch Förderungen bezahlt. Reine Rechenexempel überzeugen." Kurt Michels gab zu bedenken, dass es wichtig sei, technische Regeln auszuarbeiten, die als Entscheidungshilfe und Vertragsbedingung für Bauherren, Handwerker und Sachverständige dienen. Bei den privaten Bauherren hat in den letzten Jahren bereits ein Umdenken stattgefunden. Ökologisches Bewusstsein zeigt sich beispielsweise in der zunehmenden Verwendung unbedenklicher Baustoffe oder der Installation von Solaranlagen, selbst ohne Förderung, führte Michels an. Jetzt gilt es, auch die gewerblichen und staatlichen Bauherren zu überzeugen. Ein Ansatz könnte der Imagegewinn sein, sich der ökologischen Verantwortung zu stellen. Mit der Verbesserung des Stadtklimas durch Gründächer wird ein hochwertiger Beitrag zur Gemeinschaft geleistet und die Verbesserung des Stadtklimas hat unmittelbaren Einfluss auf unser Gesamtklima. "Der Weg aufeinander zu ist der erste Schritt, die Perspektive eines anderen anzunehmen!" fasste Kay Rosansky die Ansichten aller Experten zusammen.

Vorstellung der Teilnehmer:

Andrea Gebhard, Geschäftsführerin der BUGA 2005, studierte Geographie, Soziologie, Landschaftsentwicklung und Landespflege an der Universität Marburg, der TU Berlin und der Universität Hannover mit Abschluss als Dipl.-Ing. für Landespflege

Prof. Dr. Dr. Peter Höppe, Bio-Meteorologe und Leiter des Bereiches GeoRisikoForschung der Münchener Rück, studierte Meteorologie an der LMU in München, promovierte 1984 in Physik, 2003 Ernennung zum apl. Professor.

Fritz Hämmerle, Vorstand Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V., studierte an der Fachhochschule Nürtingen und der Universität Hohenheim mit Abschluss Diplom-Ingenieur agr.

Kurt Michels, Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks, absolvierte seine Dachdeckerlehre 1968, 1974 Meisterprüfung vor der HWK Koblenz.

Paul-Hermann Bauder, Vorstandsvorsitzender des vdd, Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V., studierte Wirtschaftswissenschaften, seit 1982 Geschäftsführer der Paul Bauder GmbH & Co. KG, seit Juni 1999 Vorsitzender des Vorstandes des vdd.

Anneliese Elsner, Werbung und PR, ICOPAL GmbH.

Dr. Rainer Henseleit, Geschäftsführer des vdd, Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V.

Kay Rosansky, Fachjournalist im Bereich Architektur und Moderator des vdd-Expertengespräch, studierte Innenarchitektur und Möbeldesign an der Werkkunstschule Flensburg. Seit 1995 in der Redaktion der DBZ Deutsche Bauzeitschrift.